So viel Traum muss sein
Jeder Traum erfüllt einen Wunsch, verspricht die Psychologie. Doch das Träumen fühlt sich nach viel mehr an. Träume haben es den Menschen ermöglicht, ohne Flügel zu fliegen und sich das Unmögliche lebensecht vorzustellen. Wer träumt, entflieht nicht nur der Realität ‒ er bereichert und verwandelt sie sogar. Ohne Träume, die dem Leben widersprechen, wäre das Leben kaum denkbar.
Fast scheint ein Leben ohne Traum wie eine Galerie ohne Bilder zu sein. Wenn der Traum ins Spiel kommt, überschlagen sich die Eindrücke und beginnen die Kategorien zu zittern. Die Wahrheit, hat man den Eindruck, haftet an der Realität, während der Traum die Realität aufwirbelt. Obwohl er auf sie zurückgeht, tut er etwas mit ihr, das an Magie grenzt.
Wenn Madrid plötzlich am Meer liegt oder längst ausgestorbene Dinosaurier durch New York spazieren, stellt sich (wie bei Schrödingers Katze) die Frage, was mit der Realität geschieht. Hat die Realität sich verändert, oder wird sie bloß anders gesehen? Sei es, dass es Träume gibt, weil es Wünsche gibt, doch mit Schaumschlägerei lässt das Träumen sich nicht gleichsetzen. Wegen des Traums ist eindringlich danach zu fragen, was Realität überhaupt ist: „What is this thing that builds our dreams, yet slips away from us?“ Ist die Realität unabdingbar, wie kann sie es dann dulden, dass sie verneint wird? Durch den Traum erinnert sie mit einem Mal an ein Behältnis, das vom Getränk darin gesprengt wird. Verträgt die Realität etwa sich selbst nicht? Vielleicht ist aber auch die Psyche ungeeignet für die Realität? Zwei, die sich unter Zwang verbünden, schaden sich ja oft gegenseitig … Träume werden für die Wahrheit gehalten und gegen die Wahrheit aufgefahren. Träume mögen Erfindungen sein. Aber sie bestimmen weitgehend das Leben, den harten Kern der Realität.
Träume sind Religionslehre und Staatsphilosophie. Insofern halten sie Gesellschaften zusammen und erlassen Gesetze. Als Utopien lösen sie Revolutionen aus und sorgen für neue Gesellschaftsordnungen. Der Traum ist nicht hilflos. Er formt Realität und durchdringt sie. Andererseits ist er, wie die Realität ihrerseits, wandelbar, vielgestaltig und unsicher.
Den Traum kann man getrost „demokratisch“ nennen, da jeder träumt und jeder träumen kann und träumen darf. Dann wiederum gibt es elitäre, privilegierte Träume (von Wahrsagern, Heiligen, Künstlern und Staatenlenkern). Es gibt tyrannische Träume, die den Menschen vorschreiben, wie sie leben sollen. Der Pharao träumt als Mensch und ebenso als Herrscher, sein Traum ganz persönlich und von erheblicher Bedeutung für den Staat, frei und gebieterisch, man muss ihn nehmen, wie er kommt, doch muss ein Prophet ihn interpretieren. Träume sind berühmt für die Nacht, manch einer jedoch träumt tagsüber vor sich hin, Träume bringen allein schon durch das Träumen Erfüllung, bleiben trotzdem in der Regel unerfüllt, sie beglücken, erschöpfen, enttäuschen. Über Träume kann man viel sagen, dennoch kann wenig davon allgemeingültig sein. Träume sind womöglich egoistisch, wenn sie rücksichtslos den Wünschen einer Einzelperson dienen, sie sind ganz bestimmt kollektivistisch, sobald sie im Traum die Menschheit vereinen oder Gesellschaften prägen oder sie umgestalten.
Die Natur der Träume ist fluid, ihre Substanz variabel. Träumen fällt leicht und hat unabsehbare Folgen. Ein Traum kann eine Befreiung sein und ein Trauma verursachen. Er kann, er muss nicht. Wenn wir die Gedichte des Autors David Lynch lesen, merken wir etwas: Träume sind eine Idee von J. B. Priestley, eine Poesie des melancholischen Widerstands, eine Erweiterung und Korrektur der Realität. Es ist nicht so wichtig, dass Träume sich erfüllen, wichtiger doch allemal, dass sie da sind. Selbst wenn wir sie nicht brauchen, wollen wir nicht, dass sie uns fehlen. Die Welt ohne Träume ist ein Computer ohne Künstliche Intelligenz. Träume zeichnen sich durch poetische Flexibilität aus. Jenseits von Verarbeitung, Verdichtung, Verschiebung und Verdrängung behandeln sie die Realität auf künstlerische Weise.
Schauen wir uns die Filme des Regisseurs David Lynch an, verstehen wir: Träume ufern wie Wasser aus. Sie können die Realität überfluten. Allmächtig sind sie nicht, aber allgegenwärtig. Der Hund und die Katze träumen. Die Stadtplanung ist ein Traum, die Gesellschaftsordnung eine Träumerei, die Zukunft eine Traumvorstellung. Jemand, der alles verloren hat, träumt, jemand, der auf nichts hoffen kann, auch, jemand, der alles hat, will träumen. Wissenschaftler, die Fakten suchen, träumen von Entdeckungen und Fördergeldern, Diktatoren, die befehlen möchten, träumen von Mausoleen und ewigem Ruhm, Päpste haben von Auftragskunst geträumt. Die Mythologie, von der die Geschichtsbücher erzählen, ist eine Ansammlung und Verkettung von Träumen. Sachbearbeiter träumen von Afrikas Wildnis, Bauarbeiter vom Feierabendbier, Künstler vom Meisterwerk, etliche Menschen vom großen Geld. Ohne Träume würde die Lotterie Konkurs anmelden, würde kein Liebespaar den Balsam der Liebe entdecken und gemeinsam Kinder großziehen. Der Tempel der Venus wäre verwaist. Autoliebhaber träumen von exklusiven Modellen, Investoren von Immobilienprojekten am Strand. Damit sind wir bei der Energie. Der Traum entfesselt sie. Ist er gut oder böse, chaotisch oder konzentriert, bedrückend oder beglückend, tyrannisch oder befreiend, erfindungsreich oder banal, zufällig oder gesteuert, einmalig oder monoton, entscheidend oder beiläufig, er ist doch immer eine Art Motor, der antreibt und etwas in Bewegung bringt.
Dringlichkeit begleitet ihn. Dringlichkeit allerdings ist eine Form von Zeitdruck, und eigentlich ist selbst die Zeit ein Traum. Deshalb weiß Augustinus nicht, was die Zeit ist, wenn er über sie nachdenkt. Sogar die traumlose Realität erinnert an einen Traum. Sie ist wie ein Zoo, in welchem die Tiere nicht zueinander passen, Nashorn und Adler zum Beispiel. Traum und Realität verbindet mein Traum von letztens: Ich stehe auf der Plattform eines Bahnsteigs, habe dünne längliche weiße Flügel, erwarte hochzufliegen, erhebe mich 30 Zentimeter über den Zementboden, erkenne jedoch, dass meine Flügel aus schwerem Hartgummi bestehen, sinke und lande mit den Füßen auf dem Bahngleis, sodass ich befürchten muss, vom nächsten eintreffenden Zug überfahren zu werden. Dann weigere ich mich, weiter zu träumen. Hier haben wir den Aufstieg und den Abstieg, die Hoffnung und die Enttäuschung, den Übermut und die Angst, die Eindeutigkeit und die Mehrdeutigkeit, die Bewegung und die Unruhe, den Menschen als Farce und als Engel, die Trivialität und die Erfindung, die Physik und das Mysterium, die Prosa und die Poesie, Traum und Realität zusammen. Sie sind nie zu weit voneinander entfernt. Noch im Schlaf des Todes fürchtet Shakespeare, dass Träume sich einmischen. Wer weiß: Mit etwas Glück überdauert der Traum die Realität vielleicht, weil er nach ihr geboren wurde.
31.01.2026
Sumersuche by David T. Lynch
Lange las ich die betressten Texte, wies die Weisen behende ein, seufzte die wissenden Hymnen ...
Und doch: Die verschwiegenen Brisen spornten mich an, über das unnachgiebige Glück in einem höheren Land nachzudenken ...
Neue Flüsse, gelindere Musik, wärmere Horizonte, reifere Monde kamen zustande ...
Ich wurde verschwommen, reich geschmückt und bindend. Meine Opferstätte war die Dämmerung ...
Meine Aura täuschte Wissen aufreizend vor, und doch: Die aufragenden Träume blieben rabiat. Und meine Wallfahrt leistete Sühne für sich ...
Wie ein leiser Geist watete ich durch lernende Stämme. Frauenaugen verfolgten meine Verschwiegenheit. Ich wurde Versuchung ...
Der Sand erschien. Meine Vergangenheit sehnte sich nach sich selbst. Kalte Nächte brachten Tränen und Harfen hervor ...
Die Luftspiegelungen schonten die Hoffnung. Die Zeit dehnte sich ahnungsvoll aus. Meine Seele war Dunkelheit und Gleichmut zugleich ...
Ich folgte dem Atmen der Rosen. Mein Herz ruhte still und betrachtete die unüblichen Städte ...
Priester und Schreiber umarmten mich vornhem wie einen Bruder und gaben mir ihr Brot zu essen ...
Ich lebte eifrig in die Zeit hinein. Zaghaft fing ich an, Tafeln zu besitzen, zu besinnen, zu besingen ...
Ich durchlebte hallende Hallen, gebefreudige Feste, gebenedeite Märkte, salzige Kanäle, unzarte Dekrete, purpurne Gemächer. Der Geist war übergreifend ...
Die sichtbaren Götter lernte ich kennen sowie die schlüssige Schärfe neuer Götter. Meine Nächte lehnten meinen weißen Umhang ab ...
Die unermüdliche Suche erlebte mich. Schonende Visionen besänftigten meine delikaten Bewunderinnen ...
Anfachende Angst drang dann in die Geschlossenheit ein. Die Tränen waren hörbar ...
Oft blickte ich den schweren Tempel starr an und sah die Kinder segnen, sehnen und sterben. Die Jahreszeiten trockneten sich aus ...
Meine abweichende Einsamkeit bequemte sich des Bodens und meine Zeit des Windes ...
Und bevor ich mich im stillenden Staub aufheben ließ, meißelte ich meine verheißendsten Zeilen:
Uruk, Anu und Enkidu zerbröckeln
Eine letzte Gottheit muss zu uns in den Sand kommen
und mit besserem Blut unsere Ewigkeit
von der Kruste der Unewigkeit freiwaschen
Image: Unsplash: Lucas Marcomini
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